| Das morgendliche Wecken war
für 5:00 Uhr angesagt. Logbuch und Wetter liegen heute wieder in den Händen von Gerd und
Willi, dem eingefahrenen Team aus der Türkei des letzten Jahres. Der Wetterbericht meldet
Windstärke 5. Im Seefunk werden Securitie-Meldungen ausgestrahlt mit dem Hinweis:
"No warnings for Ijsselsee und Markermeer". Rainer
ist für Speis und Trank zuständig. Wie bereits am Vortag hält sich das Engagement für
Mannschaft und Schiffsführung etwas zu kreieren stark in Grenzen. An Bord waren die
Übrigen bisher in diesem und auch von anderen Törns her völlig anderes gewohnt. Aber es
ist müsig, in einer solch frühen Stunde über den Einbahnstraßencharakter von
"Geben" und "Nehmen" in den Borddiensten nachzudenken. Auch ein
Skipper wird am letzten Tag Teambildung und -fähigkeit nicht zum Gegenstand
klärender Diskussionen machen. Also zum Frühstücksdienst: Restlichen Packungen werden
auf den Tisch gestellt. Auf Tellern angerichtet wird nichts mehr. Es ist ja auch noch
ziemlich früh. Obwohl wir noch vor Mitternacht in die Kojen kamen, lies uns der Wind
während der Nacht kaum Ruhe. Die Fallen waren gut gesichert und abgefedert. Sie schlugen
nicht an Mast und Wanten wie bei anderen Booten. So hatten wir mehr geruht als geschlafen.
Und jetzt Viertel nach Fünf, - essen und trinken?
Das Toiletten- und Waschhäuschen war vom Schiff gut
erreichbar. Keine langen Wege. Wenn gleich wir den Hafenmeister am gestrigen Abend nicht
mehr erreichen konnten, keine Liegemaut anlag und folglich auch kein Zugang zu den
Toiletten erhielten, erfuhren wir von unseren hilfreichen Liegenachbarn den Zugangscode zu
dem wichtigen Örtchen. Einfach "8-6-4-3" eingetippt und schon schnappte das
Schloss auf. Auf dem Weg zur morgendlichen Dusche werden wir vom Wind oberhalb der
Kaimauer, die nach Westen die See abschirmte, voll angeblasen. Es schüttelt und fröstelt
uns, - der Chillfaktor ist deutlich zu spüren.
Das folgende Frühstück dauert nur Minuten und wird
postwendend aufgehoben. Keiner scheint Hunger, geschweige den Appetit zu haben. Wie auch?
Letzter Tag, Abreisetag, Rückfahrttag und die größte Entfernung, die während des
geplanten Törns überhaupt möglich war. Wir sind uns der Situation bewußt, - stellten
sie zwar am Vortag in Lemmer zur Mittagszeit zur Diskussion und entschieden am Plan -
trotz des bevorstehenden Wetterwechsels - festzuhalten.
Da haben wir es, - das Problem so vieler Törns. Irgendwann
ist man einmal weit ab von der Basis und soll pünktlich zurückkehren. Diesmal noch mit
dem ungünstigen Gegenwind. Dennoch, es war eine logische Entscheidung. Die Mannschaft war
zwar klein, aber die bisherigen Tage haben aber gezeigt, dass sich jeder einbringen kann
und dieses auch getan hat, - wir mit Rainer einen absolut erfahrenen Mitsegler an Bord
hatten, der den vierten Tag am Steuer hervorragend - im Wechsel mit Gerd - die Tour
absolvierte.
Ich selbst hatte mich zurückgenommen, mich auf das Ein-
und Ausfahren in die Häfen, das An- und Ablegen beschränkt und wollte mich auf den
letzten Tag, der möglicherweise der härteste Abschnitt war, konzentrieren. Was wir bis
dahin nicht wußten, er wurde es auch, - nur nicht so, wie es sich der Skipper vorgestellt
und gewünscht hatte.
6:50 - Boot abgelegt. Über das Heck perfekt rückwärts
herausgezogen. Der Wind greift von backbord kommend das Vorschiff, versetzt es parallel
zur Mole in die Schifffahrtsmitte zum hinteren Teil des Hafens. Der Wind drückt merklich
heftig gegen die Breitseite. Die Rückwärtsfahrt erhöhend verholt sich das Boot langsam
und zäh nach achtern steuerbord in das Becken den Neuen Hafens hinein. Der Bug dreht nach
Nordwesten in den Wind. Steuer neutral, Maschine Kraft voraus und zügig lenke ich das
Boot gegen den von Backbord ankommenden Schwell, der von der Hafeneinfahrt drückt. Das
Ruder wird nach Backbord eingeschlagen und der Bug auf die Hafenausfahrt ausgerichtet, Wir
nehmen Fahrt auf, Motordrehzahl 2.200, Speed 3,5 dann 4,2. Wir schälen uns hinter der
Westmole heraus auf die See und erfahren jetzt voll die berüchtigte kurze, harte Welle
des Ijsselmeers. Schlag auf Schlag donnert sie gegen den Bug. Wir gegen an. Langsam lernen
wir den Rhythmus der Wellen kennen. An den Untiefen und den Markierungen, die nicht so
überzeugend zu erkennen sind, orientieren wir uns zunächst gegen Westen, später
Nordwesten. Im Moment scheint in unseren Rücken noch die aufgehende Sonne und spendet
etwas Wärme. Doch vor uns bilden sich deutlich mehr Wolken und würden binnen weniger
Augenblicke diese wieder verdecken. Wir haben uns auf heftiges, windiges und nasses Wetter
eingestellt. Jeans, drunter Schlafanzughose, wetterfeste Überzughose, Fleece und ein
schwerer Goretex-Annorack mit Kapuze, zusätzlich ein Südwester. Alles darf sein, aber
nur keine frierende kleine Crew an Bord.
7:10 - Tonne "UK20" passiert. Nachdem ich das
Boot aus der Hafeneinfahrt herausgebracht habe, übergebe ich Willi das Steuer. Wir sind
uns einig, bei diesem heftigen Wind, dem Kurs voll gegen dei Welle und dem Zeitdruck, die
Segel vorerst zu lassen wie sie sind. In Richtung Steuerbord, wo wir gestern von Lemmer
her gekommen waren, haben viele Baggerschiffe ihre Arbeit aufgenommen. Sie scheinen eine
neue Fahrrinne auszubaggern oder zu vertiefen. Quintessenz: Jede Menge Boje waren
zusätzlich zur Fahrstraßenbetonnung zu sehen, die folglich in keiner Karte
eingezeichnet, erheblich zu Verwirrungen führen. Bereits am Vorabend auf dem Weg nach Urk
hatten wir unsere Schwierigkeiten. Heute Morgen, das Ganze noch einmal aus einer anderen
Perspektive. So haben wir uns steuerbordseits von diesen Arbeiten fernzuhalten. Vor uns
liegen die Richtungstonnen und backbordseitig tauchen immer mehr Markierungen zu den
Untiefen vor dem Makarmeerdamm auf.
Unsere momentane Situation: Wenige 100 Meter backbords und
wenige 100 Meter steuerbords immer wieder Untiefen. Letztlich ist das gesammte Ijsselmeer
ja nicht gerade ein Tiefwasser. Wir mit dem Boot dazwischen und die harte, kurze Welle von
vorne. Es verbleibt wenig Spielraum für einen idealen und angenehmen Kurs durchs Wasser.
Wir lernen schnell mit den Wetter- und Wellenunbilden umzugehen. Nach einer Weile kommt
Ruhe ins Boot. Durch die Sonne wird es etwas wärmer. Willi kommt mit der Welle gut
zurecht, wenn gleich es ihm immer wieder schwerfällt, des Rauchers Süchte mit der
Aufmerksamkeit des Steuers und einer guten Voraussicht in Einklang zu bringen.
Nach einem letzten Rundumblick gehe ich unter Deck. Ich
weiß, Willi hat alles gut im Griff und liegt mit dem Boot gut auf Kompasskurs. Ich schaue
nach dem Logbuch. Die Eintragungen in den Tagen zuvor wurden nicht so wahrgenommen, wie es
sich eine Schiffsführung gerne vorstellt. Ich höre in das Funkgerät hinein und
verschaffe mir einen Überblick über die noch vorhandenen Lebensmittel. Ich gewinne den
Eindruck, dass von unserem Küchendienst heute wohl kaum eine Dareichung an die Crew
erfolgen würde. Zu sehr war Rainer in den Tagen mit seinem Hand-GPS befasst. Nun, diesen
Teamgeist müssen eben alle aushalten. Dulden oder dagegen aufbegehren? Ich denke, die
Gruppendynamik regelt so etwas selbst. Leider wohl icht mehr am letzten Tag. Mit dem Blick
Richtung Markermeer werden jetzt die ersten Bojen von Fischernetzen wahrgenommen. Da
ohnehin die Flachwasserzone mit den Netzen parallel zum Damm in Lee liegt, stört sie
nicht.
8:00 - 9:00 - Auf der Steuerbordseite nehmen wir ein
Fischerboot wahr, das querab auf uns mit großer Bugwelle zukommt. Eigentlich müssste er
nicht so hart gegen die Welle anfahren. Ich finde es abstrakt und werde misstrauig. Ich
habe zwischenzeitlich im Lee unter der Sprayhood auf der Steuerbordseite meinen Platz
wieder eingenommen und blicke abwechselnd auf den Fischer und rückwärts auf den
Steuerstand zu Willi. Das Boot schägt immer wieder auf. Gischt fegt mit jedem Eintauchen
über die Sprayhood. Willi überzeugt wieder mit seinem glücklichen
Händchen, sich immer wieder einen Glimmstengel zwischen die Kiemen zu drücken. Meine
Unruhe drängt mich einmal aufzustehenund einen Rundumblick über die Sprayhood und das
Vorschiff zu versuchen.
"Willi, - Hart backbord und Gas" schrie ich
augenblicklich. Genau vor uns, keine zwei Bootslängen voraus, laufen wir im Moment voll
auf eine Fischnetzreihe zu. Mit Sicherheit hätten wir diese überfahren. Welch ein
Gedanke??? !!!, - Bei diesem Wetter mit der Schraube im Fischnetz zu verhaken und
manövrierunfähig auf die Untiefe vor dem Markermeer zu treiben. Der Wind stand genau in
diese Richtung und die klassische Legerwallsituation wäre perfekt. In einem solch
brisanten Augenblick ist es zudem wichtig Back- und Steuerbord nicht zu verwechseln. Gerd
sitzt neben ihm, fest und wetterfest vermummelt, greift ein und unterstützt Willi, das
Ruder in die backbordseitige Lage herumzureißen. Rainer sitzt im Lee der Sprayhood auf
der Backbordseite und nestelt an seinem Hand-GPS über Wegepunkte nach der Ankunftszeit.
Wir hätten sie greifen können, - die Fischerboje, so nahe sind wir an sie heran
gekommen, als sie wenige Meter neben unserem Steuerbord allmählich achteraus driftet. Ca.
300 Meter fahren wir jetzt nach Süden, weg von unserer ursprünglichen Route direkt auf
die Untiefen vor dem Markermeerdamm. Wir weichen damit einem riesigen Fischnetzfeld aus.
Zwar sind die Richtungstonnen und Hafeneinfahrtsmarkierungen schon etwas größer
als Fischernetzbojen, aber auch die kleinen Bojen machen irgendwo einen Sinn. Dieses
mistige Wetter scheint die holländischen Fischer nicht davon abzuhalten, aus dem ganzen
südlichen Ijsselmeer eine einzige Fischfangzone zu machen. Bis fast auf Höhe der
Schifffahrtslinie Enkhuizen - Lemmer machen wir eine Fischnetzzone nach der anderen aus, -
mal steuerbord, mal backbord, dann wieder voraus. Obwohl wir den Kurs am Kompass
orientiert, entlang der Richtungstonnen halten, liegen ständig Fischerbojen im Weg. Ich
ermahne zu höherer Wachsamkeit, denn tatsächlich tauchen immer mehr Fischnetzbojen auf. |
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9:35 - Die Tonne
"Ez-B" und damit Schifffahrtslinie "Enkhuizen - Lemmer" gekreuzt. Wir
liegen gut in der Zeit. Abgabetermin ist 12:00. Zuvor wäre noch zu tanken, dann das
Schiff auspacken etc. Die voraussichtliche Ankunftszeit wird von Rainer mit 11:00 Uhr
berechnet. Alles im Plan, trotz des windigen Wetters. Mit Ausnahme der Fischer sind kaum
Boote unterwegs. Alle scheinen sie wohl in den Häfen zu bleiben, wir zählen bisher
gerade mal so viele, wie Finger an einer Hand. 10:00
- Kurz vor Tonne "Ez-A" nehmen wir eine Abkürzung und versetzen uns in Richtung
Fahrwasser "Enkhuizen - Makkum". Das bedeutet aber auch, dass jetzt auf dieser
Linie die Schiffe von Amsterdam bzw. auch jene von Lelystad auf unserem Kurs liegen. Durch
den Kurswechsel kommt der Wind jetzt leicht von backbord versetzt uns entgegen.
Windstärke und Seegang liegen bei 5 und in Böen deutlich darüber.
10:30 - Das letzte Tonnenpaar "LC1" und
"LC2" wird passiert und ein endgültiger Kurswechsel Richtung
"Stavoren" vollzogen. Der Verkehr der Berufsschifffahrt nimmt zu. Hin und wieder
sehen wir zwar Segler, haben aber dennoch das Gefühl, die einzigen draußen zu sein. Per
Handy melde ich mich bei der Basis. Ich teile mit, dass wir und Schiff wohl auf seien,
noch Treibstoff aufnehmen und voraussichtlich eine halbe Stunde vor 12:00 Uhr eintreffen
werden. Meine zusätzliche Frage, ob irgendetwas anliege, etwas zu beachten sei, wurde mit
"Nein, es sei alles in Ordnung" beantwortet. Es sei schön, dass wir schon
früher kommen.
Dem Wetterbericht zufolge soll der Wind noch mehr zu legen.
Wir sind dann doch froh, auf das Segelsetzen verzichtet zu haben und unter Motor
pünktlich und wohlbehalten anzukommen. Keiner hat gekotzt. Alle wohl auf und gesund, wenn
gleich etwas bleich. Zum Segeln bin ich also nicht mehr gekommen und muss mich schon
fragen, warum ich eigentlich hier bin. Nur um das Boot aus- und in den Hafen zu bringen
und das Seglerische anderen zu überlassen? Nun, ich denke, es kommt so wie es kommt.
Diesmal war es eben so.
11:00 - Die letzte Meile vor der Hafeneinfahrt. Jetzt
heißt es wieder aufgepasst. Untiefen zu beiden Seiten. Die Sonne kommt etwas heraus und
bescheint die ganze dunkele Seite des Blickfeldes. Es war ein Dunkel vermischt mit
leichtem Gold der Sonnenstrahlen. Zudem bricht das Wasser die Strahlen. Die Gischt und
Wellenkämme leuchten in einem sanften Licht. Und tatsächlich, unmittelbar vor der
Hafeneinfahrt, brechen doch noch einige mutige Segler aus dem Hafenbecken hervor und
kämpfen in der Ausfahrt schwer gegen die Wellen an. Sturmfock und Minimalbesegelung.
Schwer und zugleich rücksichtslos fahren sie in der engen Einfahrt hin und her. Mit Mühe
weichen wir unter Motor aus und versuchen uns mit genügend Fahrt von den Untiefen
fernzuhalten. Bei einem Segler haben wir den Eindruck, dass er durch das Flachwasser
abkürzen wolle um schnellstmöglich herauszukommen. Wenn das nur gut geht! Denn dort
lauern nach Karte Untiefen. Ähnliches hatten wir bereits am ersten Tag vor Makkum erlebt.
Entweder sind es Revierkundige oder andere, die das va-banque-Spielchen mit dem Risiko
lieben. Ich hatte die mahnenden Worte des Basisleiteres sehr wohl im Ohr, - "Hütet
euch vor den Untiefen, - es erwischt fast jede Wochen einen, der es probiert". Auch
wenn es lächerlich aussehen mag, ich halte mich daran und schaue, dass wir entsprechend
der Karte und dem Hafenhandbuch den Weg nehmen, der gut und rein scheint.
Wir erkennen die Hafeneinfahrt. Sie wirkt eng. Der Schwell
ist heftig und man kann es sich nur zu gut vorstellen, wie schnell ein Schiff angehoben
und auf Klippen, Steine oder sonstige Untiefen aufgesetzt werden kann. Wir schrauben uns
unter Motor zügig in den Hafen hinein. Das Wasser wird ruhiger. Die Markierungen und
Begrenzungen des Fahrwassers sind einwandfrei zu erkennen. Gleich hinter der Einfahrt geht
es backbord querab zu den Versorgungseinrichtungen. Ich will längsseits an Backbord
anlegen.
Da der Wind, wie am Vorabend, von der gleichen Seite kommt,
ist die Situation und das Manöver allen bekannt. Beim Einfahren stellen wir fest, dass
bereits ein Boot vor uns liegt und uns dieses Idealmanöver verleiten möchte. Die
Mannschaft scheint fertig zu sein, ist aber noch beschäftigt sich zu organisieren um
rückwärts herauszufahren. So wie wir jetzt ankommen, würden wir sie oder sie uns das
Anlegemanöver blockieren. Ein Aufstoppen scheint mir nicht geschickt, da hinter uns
weitere Schiffe hereinkommen, denen es wohl draußen auch zu heftig ist oder auch an die
Versorgungseinrichtungen wollen. Wir haben noch genug Fahrt und disponieren kurzfristig
um. Die Fahrt nutzend bewege ich mich rechts am Hafenbecken entlang der steuerbord
liegenden Schiffe, um weiter hinten im Halbkreis über Backbord auf der Steuerbordseite
festzumachen. So haben wir zudem den Bug seitlich gegen den Wind, was zum späteren
Ablegen auch nicht schlecht scheint. So der Plan.
Wir nutzen die Fahrt, überlassen dem Ablegenden den Platz
achterlicherseits zum Ausscheren und fahren steuerbords tiefer in das Hafenbecken ein. Als
ich gerade das Ruder nach Backbord eingeschlagen habe um den Halbkreis auszufahren, trifft
eine Böe mitten in dieses Manöver und lässt dieses augenblicklich zusammenbrechen. Fast
manövrierunfahig treiben wir quer nach hinten auf die Untiefe am Ende des Hafenbeckens
zu. Wie ein Pfropfen im Flaschenhals verhalten wir einen Moment. Mir wird klar, - das
Manöver kann nicht zu Ende gefahren werden. Vorwärts geht nicht, da ist die Pier der
Tankstelle und Krans bzw. unser Bug in Gefahr. Nichtstun bringt auch nichts. Der Wind
würde uns Sekunde um Sekunde seitlicher zum Ende des Hafenbeckens auf die Steine treiben.
Letzte Lösung, - rückwärts mit eingeschlagenen Ruder zur Einfahrt zurück, so wir
reingekommen waren.
Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis das Boot wieder auf
Fahrt aufnimmt und gegen das andauernde Abdriften eine Bewegung zu erkennen ist. Mit
dieser Lösung fahren wir zwar wieder rückwärts, kommen aber, das die Böe von backbord
auf unsere Breitseite drückt wesentlich weiter auf die mit Bug und Heck, in den Boxen
liegenden Booten zu. Alles verläuft im Zeitlupentempo. Die Crewmitglieder schätzen, ohne
einen besonderen Zuruf, die Lage richtig ein und stellen sich auf die näherkommenden
Dalben der Boxen ein. Solange die die darin liegenden Boote kürzer waren als die
Boxengassen lang, ist das sicherlich kein Problem. Den Raum zwischen Bordwand samt Reeling
und den entsprechenden Dalben können wir gut abfendern.
Die Rechung geht auf, - fast. Durch das Manöver und
beherzte Rückwärtsziehen gerät das Ende des Standers der Nationalen an einen Dalben und
bricht, weil hölzern und über das Boot hinausragend, ab. Im vorlicheren Bereich
mitschiffs an Steuerbord verhakt sich für einen Moment die Windselbststeueranlage eines
mit dem Heck aus der Box herausragenden Bootes mit unserer Reeling. Wir federn sofort ab.
Im übrigen unterstützen uns die Dalben und Fender. Die Windsteueranlage stört nicht
weiter, wir kommen augenblicklich frei und das kurzzeitige Verhaken sollte kein Problem
werden. Der Stander allerdings war futsch. Wir schließen die Fahrt rückwärts ab,
wiederholen das Anlegemanöver auf die ursprünglich angedachte Art und legen an der
Versorgungsanlage backbordseitig an. Das Boot wird festgemacht. Der Hafenmeister kommt und
kümmert sich um das Betanken unseres Boots. Zum Schluss sollte ich aber noch zum
Hafenmeisterbüro hinaufgehen. Oben angekommen bezahle ich die 23,-- Euro Treibstoff und
bekomme von einem Kollegen erklärt, dass der Einlaufvorgang beobachtet worden und es wohl
zu einer Havarie mit dem Boot mit Windselbststeuereinheit gekommen sei. Ich mache ihm
klar, dass wir unser Boot bereits gecheckt haben und keinerlei Schäden finden konnten,
auch dass es zu keiner konkreten Havarie gekommen sei, sondern zu einer persönlich
abgefederten Berührung ohne Folgen.
Okay, seis drum, - er müsse die Personalien aufnehmen und
ich solle eine Manöver- und Schadensbeschreibung anfertigen. Die Versicherungs-, Boots-
und Personaldaten werden von mir notiert. Er (der Hafenmeister) würde sich mit dem
betroffenen Eigner des Bootes in Verbindung setzen. Falls keine Beschädigungen gemeldet
werden, würden wir auch nichts mehr hören. An dieser Stelle gleich vorweg: Die
Gegebenheit wurde der Versicherung gemeldet. Wir bekamen weder vom Eigner, noch vom
Hafenmeister, vom Versicherer und auch nicht vom Vercharterer irgendwelche weiteren
Hinweise, Fragen oder Informationen zu irgendwelchen Schäden. Folglich haben sich unsere
vor Ort getroffenen Einschätzungen bestätigt. Es gab keine Havarie mit Schaden, wenn man
von dem eigenen abgebrochenen Holzstander absieht.
Inzwischen kommen noch mehr Boote zur Tankstation. Beim
Ablegen beobachten wir auch andere Boote, deren Besatzungen sichtlich ähnliche Probleme
haben, hier zu manövrieren. Von zwei anderen Booten bekommen wir Rückkopplungen, dass
sie die Schnauze voll haben, das Boot am Steg festmachen, nicht tanken und auch nicht in
ihre Box einlaufen wollen. Das wundert mich dann doch sehr, aber Respekt, jeder wie er es
eben mag und einschätzt. Die See ist zwar heftig, der Wind mit den Böjen tückisch, aber
in den letzten Tagen haben wir so viele Situationen erlebt, dass wir diese hier auch mit
der gewohnten Routine meistern können. Vielleicht liegt es auch an der fehlenden
Versorgung unseres Küchendienstes, kein Trinken, keine Snacks und ein vergessenes
Frühstück. Mängel, welche die Aufmerksamkeit einschränken. |




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Noch 100 bis 200 Meter bis zu unserer Box. Wir
verlassen den Versorgungsbereich und fahren tiefer in den Hafen hinein zu unserer
Boxengasse hinüber. Wir finden sie und erkennen auch gleich unseren Liegeplatz. Rechts
und links davon liegen die anderen Boote. Keines ist ausgelaufen. Das ist gut, den sie
bieten uns beim Einfahren guten Schutz vor Wind und Welle. Nun, die Box ist eng, Fender müssen hochgenommen bleiben und der Wind kommt von
seitlich hinten über steuerbord. Aber kaum Schwell, kaum Welle, das Hafenwasser relativ
ruhig. Mit zu langsamer Fahrt wird das nichts, - das haben wir eben beim Tanken gesehen.
Da hier kein Halbkreis sondern mit gutem Vorhalt gerade einmal ein spitzer Winkel gefahren
werden muss, sollte es gut funktionieren. Die Aufgaben werden wie üblich verteilt. Im
Bugbereich steht Rainer. Dessen Aufgabe wird beim Einfahren in die Box, das Überspringen
an Land sein und die Befestigung der Bugleinen. Willi zu meiner Seite im Backbordbereich
wird den achterlichen Festmacher übernehmen und diesen über den Dalben ziehen. Gerd an
Steuerbord achtern übernimmt die gleichen Aufgabe für seine Seite.
Alle diese Aufgaben waren aus den Vortagen bekannt. Heute
kommt nur eine höhere Geschwindigkeit hinzu um die Richtung und den Kurs in die Box zu
halten und kurz vor Schluss aufzustoppen. Im Schutz der anderen Boote würden wir beim
Einfahren die Achterleinen über die Dalben ziehen und nach deren Passieren mit der
Schiffsbreitseite, so vom Basispersonal gewünscht, die Fender ausbringen. Das sollte wohl
kein Problem darstellen. Präzise hineinfahren und rechtzeitig aufstoppen, festmachen und
fertig, - so die Theorie.
Die Praxis entwickelt sich aber anders. Beherzt nehme ich
Kurs. Alle Mann haben ihre Positionen eingenommen. Der Bug schiebt sich durch die Dalben.
Da spüre ich plötzlich von steuerbord achtern eine Böe auf das Schiff treffen und uns
hinten herumzudrücken. Ich erhöhe sofort kurzzeitig die Fahrt, drücke tiefer in die
Box, denn es ging jetzt darum, noch vor der vollen Böe die Mitschiffsbreitseite an den
Dalben vorbeizuschieben. Auch wenn für Willi jetzt eine stärkere Herausforderung
ansteht, muss dieses Manöver gefahren werden. Augenblicklich merke ich, dass die Wucht
der Boe uns im Bruchteil einer Sekunde schneller erreicht und ich das Manöver wohl nicht
so abschließen kann. Der Backborddalben liegt noch vor der Mitschiffsbreite, zwar nur
einen Meter, - aber dieser reicht, um eine Hebelwirkung auszuführen, den Bug nach
Steuerbord zu versetzen und das Boot backordseitg vor dem Dalben nach hinten abrollen
lassen wollen. Jetzt gibt es nur eine Lösung. Ich muss schnellstens mindestens einen
Meter voraus, tiefer in die Box hinein um die sich verstärkende Hebelwirkung aufzuheben.
Rainer war gefordert, die geänderte Situation zu erkennen und richtig zu handeln, was ich
von einem Segler mit Erfahrung auch einfach erwarten konnte. Auf der Steuerbordseite
versucht er sich mit dem Bug und Anker vom Nachbarschiff freizuhalten. Gleichzeitig wird
Gerd hoffentlich versuchen den Festmacher über den Dalben zu werfen und heranzuziehen.
Willi kann nichts weiter tun, als versuchen den Backborddalben so gut es eben geht vom
Boot wegzudrücken, während ich unter Annahme, dass alle drei Mitsegler richtig
funktionieren mit mehr Gas, den fehlenden Meter mit einem letzten Schubbser wettmache, um
in die Box entdgültig hineinzugelangen.
Nun Gerd verpasst mit dem Festmacher den Dalben. Er kann
ihn im erforderlichen Moment nicht überlegen. Demzufolge zieht er uns nicht mit der
achterlichen Steuerbordseite zum Dalben hin und kann Backbord nicht entlasten. Willi
bekommt jetzt die volle Wucht des Windes auf den Dalben zu spüren. Das kann kaum einer
aushalten. Durch die Hebelwirkung und die fehlende Entlastung geht der Bug stärker zum
Nachbarboot hinüber als gewünscht. Rainer versucht Schlimmeres zu vermeiden und es
scheint auch zu gelingen, denn die Besatzung des betroffenen Nachbarboots greift
gleichfalls ein und drückt unsere Reeling von ihrem Boot weg. Auch hinten steuerbord
achtern bemühen sich diese durch Zuwerfen eines Festmachers, Gerd erneut Gelegenheit zu
geben das Ende am Klampen zu befestigen und das Heck unseres Bootes zu ihnen
hinüberzuziehen. Nur so kann Willi am Dalben entlastet werden. Alles dauert nur
Augenblicke, doch uns kommt es wie Ewigkeiten vor, bis wir endlich in der Box liegen, die
Festmacher an Land befestigt und die Achterleinen entsprechend vertäut sind. Erst
"jetzt" werden die noch fehlenden Fender ausgebracht. So waren wir währndes des
Einlaufens in die Box lediglich auf die vorhandenen Fender der Nachbarboote gestützt.
Quintessenz: Wir haben es geschafft. Bei den heftigen
Wetterunbilden haben wir uns alle tapfer geschlagen. Die Mithilfe der Nachbarcrew war
hervorragend. Und der zwischenzeitlich hinzugekommene Basisvertreter, beteiligte sich mit
den abschließenden Handgriffen am Festmachen. Allerdings bemerke ich recht schnell ein
Gemurmel, abschätzende Blicke und ein Lächeln zwischen Basisvertreter und dem Skipper
des Nachbarbootes, der sich recht bald als Eigner entpuppte. Auf einmal wurde von einem
enormen Problem und ziemlichen Schäden gesprochen. Ich glaube, ich höre wohl nicht recht
und gewinne spontan den Eindruck, dass auf einmal gar nicht mehr so das wohlbehaltene
Ankommen der Chartercrew im Mittelpunkt steht, sondern unser Überraschungsmoment
benutzt wurde, eine unnötige Dramatik zu entfachen. Ja Hilfe, was denn da für ein
Schaden entstanden sein sollte, am Nachbar- und dem eigenen Boot! Ich schaue mich um.
Gewiss, sicherlich ist da etwas gewesen, was so nicht sein sollte, - aber diese Dramatik
kann ich nicht nachvollziehen. Statt der erwarteten Fürsorge des Vercharterers um das
Wohlergehen seiner Kunden sich zu kümmern und bei der Schadensaufnahme und -regulierung
mit Sachverstand und Erfahrung behilflich zu sein, erhalten wir nur abschätzende Blicke,
parallel mit einem vom Thema abschweifenden Blick hinaus aufs Meer und wieder jenem
Grinsen. Dort war gerade zu erkennen, wie ein Seenotrettungskreuzer oder Bergeschiff mit
Blinklicht aus dem Hafen herausfuhr. Es scheint so, als hätte mindestens ein,
wahrscheinlich aber auch mehrere Segler auf der Untiefe aufgesetzt und drohen zu kippen.
Es scheint das hier übliche Spektakel zu sein, dass den Anwesenden Schadenfreude oder
Hemme ins Gesicht treibt, mal wieder Dumme erwischt zu haben. Genauso komme ich mir auch
gerade vor, denn unser Boot durch die Vorgängercrew in der letzten Woche draußen
ebenfalls aufgesessen. Kurze Zeit später werden wir aufgefordert (routinemäßig) einen
Schadensbericht zu erstellen und nach dem Entladen und Auschecken die Restformalitäten im
Charterbüro zu erledigen. Wenn ich diese Erkenntnisse heute mit den Eindrücken des
ersten Tages zusammenbringe, glaube ich, dass es hier um ein Schadensboot geht, das
prädestinert für Schäden ist, im Laufe des Jahres wohl einiges, immer schön notiert,
ansammeln soll, um dann beim Wintereinlagern einer grundsätzlichen Überholung unterzogen
zu werden. Wie viele einzelne Crews über das Jahr gesehen für (vermeintliche oder auch
wahre) Schäden zur Versicherung oder Kaution gebeten werden, wird wohl für die
jeweiligen Charterer ein Rätsel bleiben. Stutzig werde ich auch durch Versprecher in den
Gesprächen der umherstehenden Leuten, dass das Nachbarboot, der Eigner sein Boot momentan
gerade selbst nutzt, dieses dem gleichen Vercharterer zur Verfügung stehe und derartige
Vorfälle Routine seien.
Routine mag es für die hier Beteiligten sicherlich sein,
für die bisher schadensfreien Charterer in Unkenntnis solcher Unannehmlichkeiten hingegen
ein Ärgernis. Es entsteht einfach das Gefühl, in einer solchen Situation be- oder
ausgenutzt zu werden. Seis drum. Das Boot liegt fest. Die Schäden werden von mir
fotografiert, um sie gegebenenfalls bei eine späteren Schadensregulierung dokumentieren
zu können. Denn eines will mir selbst bis heute nicht in den Sinn, dass dieses rein
materielle Ereignis so aufgebauscht werden muss. Für mich ist selbstverständlich, wennt
ein Schaden eintritt, wird dieser reguliert. Aber Scheingefechte, - nein danke.
Wir laden das Boot noch aus und führen des Auscheck durch.
Jetzt wurde alles noch einmal genauestens unter die Lupe genommen. Es wurde nichts weiter
gefunden, denn außer den Bagatellen und dem gebrochenen Schiffsstander, - das ist Holz
für 20 - 30 Euro, gab es nichts zu beanstanden. Das abschließende Gespräch führen wir
mit dem Vertreter des Basisleiter, das dieser noch im Urlaub war. Er behält die
Kaution ein und meint, dass der Chef nach seiner Rückkehr sich noch mit uns in Verbindung
setzen werde. Falls die Versicherung bezahle, was wegen der Wetterverhältnisse noch nicht
ganz klar sei und der Schaden sich im Rahmen bewege, wir wohl einen Teil der Kaution
zurückerhalten werden.
Das könne dann sein, wenn sich die Schäden am eigenen
Boot im Rahmen halten. Nur die Schäden am Nachbarboot seien ein Problem. Aber nachdem -
so Originalton -, das andere Boote auch unter dem gleichen Vercharterer laufe, könnten
sich auch andere Ausgleichsmöglichkeiten ergeben. Für mich waren diese Ausführungen in
diesem Moment böhmische Dörfer. Für mich entwickelte sich das Gefühl vom Vercharterer
in der entandenen Stituation im Stich gelassen worden zu sein. Mir waren aus Gesprächen
mit anderen Seglern einfach andere Verhaltensweisen bekannt, bei denen sich der
Vercharterer stets auf die Seite seiner Charterkunden legte und durch Charme und Service
aufkommende Probleme, soweit sie nicht grobfahrlässig entstanden, umsichtig löste. Okay
seis drum. Die Ersteindrücke vom Check-In gewannen mit diesem Abschluss eine unerwartete
Bestätigung.
Ich habe mit der Abfassung dieses Berichtes bis heute
gewartet, um in der schwebenden Situation der Ereignisse keine Beinflussung auszuüben.
Nach dem ein Jahreswechsel vollzogen ist, ich von keiner Seite her eine Reaktion bekam,
keine Versicherung sich gemeldet hat, es nirgendwo einen Geschädigten zu geben scheint,
der sich umgehend hätte melden müssen, gehe ich davon aus, dass mit dem Verlust der
Kaution diese Angelegenheit abgeschlossen ist. Ich hatte meine Armbanduhr an Bord liegen
lassen, dachte vielleicht, dass dies seitens des Vercharterers bemerkt werden würde. Doch
von diesem bekam in zu keiner Zeit irgend eine Nachricht. Ich hatte in den Wochen nach der
Charter e:Mails und Anfragen zur Schadensabwicklung und -regulierung geschrieben, hatte
angerufen und da nicht anwesend sowohl auf Anrufbeantworter als auch beim Personal um
Rückruf gebeten. Es geschah defintiv nichts mehr. Irgendwann verlor ich einfach die Lust.
Das Ijsselmeer bescherte mir einerseits interessante
Begegnung mit Menschen, Städten und Einrichtungen, andererseits gewann ich neue
Erkenntnisse über das Chartern und das Segeln mit kleiner Männercrew, die ich allerdings
so nicht wieder erleben möchte. Die Kaution wurde einbehalten, kein Hallo, kein Danke,
kein Nichts. Die Frage bleibt offen, ist das normal?
Gegen 14:00 war das Gepäck in unseren Autos und wir
verabschiedeten uns. Das Wetter wurde wieder sonniger, insgesamt blieb es aber frisch. Die
vierköpfige Männercrew hatte 116 sm, davon 72 sm unter Segeln, zurückgelegt und jeden
Abend einen neuen Hafen, nette Lokale, Menschen und Eindrücke kennengelernt. Mögen diese
positiven Elemente in unserem Gedächtnis erhalten bleiben. |
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